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Karriere: Fort- und Weiterbildung 2 | |||||
Die beste Möglichkeit zur Erlangung betriebsspezifischen Wissens ist daher das Arbeiten in einem Unternehmen und das systematische Recherchieren, Sammeln und Auswerten von fachlichen Informationen und Erfahrungen. Diese Methode müßte jeder Angestellte in Eigeninitiative anwenden dürfen, da sich jeder um seine Qualifizierung selber kümmern soll. Wenn dann noch Erwerb und Aus- tausch von Wissen koordiniert und betriebswirtschaftlich organisiert werden, dann profitieren alle Beteiligten von diesem Wissensmanagement: Der daraus resultierende Informationsvorsprung ist ein großer Vorteil im Wettbewerb sowohl für das Unternehmen auf dem Wirtschaftsmarkt als auch für den Erwerbstätigen auf dem Arbeitsmarkt. Doch bei aller Begeisterung für Wissen und Qualifikation in den Sonntagsreden vieler Politiker und Wirtschafts- vertreter, wird allzu gerne übersehen, dass unternehmens- politische Entscheidungen und arbeitsmarktwirtschaftliche Rahmenbedingungen diesen propagierten Zielen kontra- produktiv gegenüberstehen. Dieselben Gründe, die das Zustandekommen eines gemein- schaftlichen Arbeitsgeistes und einer Solidarität unter der Belegschaft verhindern, verhindern auch das Entstehen und das organisierte Aufbauen betriebsfachlichen Wissens. Zur Erinnerung seien diese hier noch einmal genannt: Sie im vorangegangenen Kapitel "Arbeit als Angestellter" an entsprechender Stelle nachlesen. In der betriebsalltäglichen Praxis wird als Grund für die Zurückstellung qualifikatorischer Maßnahmen im Sinne des Wissensmanagements offiziell angegeben, dass diese sich einer betriebswirtschaftlichen Effizienzbewertung entziehen würden. Routinemäßige Arbeitsgänge mit genauer Aufwand-Nutzen-Kalkulation hätten in Zeiten wirtschaftlicher Anspannung und hohen Konkurrenzdrucks oberste Priorität. Daher müßten betriebsinterne Fort- und berufliche Weiterbildung außerhalb der Arbeitszeit stattfinden. Durch diese strikte Anweisung werden Qualifikations- bemühungen und betriebliche Wissensvermehrungen als Privatangelegenheiten in den Freizeitbereich des Erwerbstätigen gestellt. Der in diesem Zusammenhang oft mit erhobenen Zeige- finger gebrachte Spruch, "man würde für sich selbst und fürs Leben lernen", kann hier nicht greifen, weil
beispiele braucht und daher nur im Arbeits- prozeß selbst möglich ist.
bestimmter Umstände und Erfordernisse nutzbringend anwendbar ist.
kein klar umrissenes Lernziel durch eine marktwirtschaftliche Nachfrage oder einen Bedarf definiert wird.
im Privat- und Berufsleben entwertet wird. Es wird erwartet, dass Sie als Erwerbstätiger in Ihrer sehr knapp bemessenen Freizeit zum gemeinsamen Er- weitern Ihres Wissenshorizontes Arbeits- bzw. Berufs- kollegen finden, deren Freizeit zufällig mit Ihrer Frei- zeit synchron läuft (trotz flexibler Arbeitszeiten), die dann noch zufällig (trotz geforderter Mobilität) in schnell erreichbarer Ortsnähe wohnen, die dann noch in Ihrem gleichen Berufsfeld bzw. in Ihrer gleichen Abteilung tätig sind und die dann noch bereit sind, mit Ihnen Zeit und Know-how unentgeltlich zu teilen, ohne zu wissen, wie lange Sie im Beschäftigungsverhältnis stehen werden und ob das Erlernte sowohl im Betrieb als auch in anderen Unternehmen oder auch in Zukunft bei ständigem Struktur- und Technologiewandel anwendbar sein könnte. Durch diese vielen Variablen in deren Geflecht von Abhängigkeiten wird die private Realisierung einer berufsfachlichen bzw. betriebsspezifischen Wissens- börse mit gemeinschaftlich koordiniertem Know-how- Transfer sowohl organisatorisch als auch inhaltlich kaum oder gar nicht durchführbar. So bleibt dann nur noch der Alleingang in der Suche nach der geeigneten Qualifikation. Dabei wird die Auswahl in den meisten Fällen eher von Spekulationen als von einer Gewißheit über den zukünftigen Wissens- markt bestimmt. Jede aus Wunschdenken gewählte Qualifikationsmaß- nahme gleicht daher einem Börsen- oder Glücksspiel, dessen Erfolg oder Mißerfolg vom Schicksal namens "Konjunktur" abhängig ist. Wo Fort- und Weiterbildung vom innerbetrieblichen Arbeitsprozeß abgekoppelt wird, das heißt, wo quali- fizierende Maßnahmen nicht mehr automatisch den Arbeitsplatz sichern, einen Aufstieg begünstigen oder Erwerbslosigkeit überwinden helfen, da entwickelt die Weiterbildungsindustrie ein Eigenleben und macht Qualifikation zum Selbstzweck und damit zur Farce. Diese Gefahr vergrößert sich, weil Politiker und Wirt- schaftsvertreter in immer stärkerem Maße den Glauben verbreiten, Erwerbslosigkeit oder schlechte beruf- liche Perspektiven seien ausschließlich im Mangel an eigeninitiativ erworbenen Qualifikationen begründet. Ein kritisch-analytischer Blick in die Stellenangebote der Zeitungen oder ein sorgfältiges Recherchieren von Anforderungsprofilen z. B. in Internet-Jobbörsen, Fach- publikationen und bei Personalberatern zeigt dagegen deutlich, dass nur innerbetrieblich erworbene Kennt- nisse und Erfahrungen bzw. nur vom Arbeitgeber ver- anlaßte Qualifizierungsmaßnahmen ausschlaggebend sind für den beruflichen Erfolg.
Dass die gebetsmühlenartig propagierte Qualifikations- Eigeninitiative in der Arbeitsmarkt-Praxis kaum greift, erkennen wir außerdem noch an der mangelnden Ak- zeptanz autodidaktisch angeeigneten Wissens. Da autodidaktisch erworbene Kenntnisse und Fähigkeiten in der Regel nicht durch Fremdanordnung, sondern durch Eigeninitiative zustande kommen, werden diese nicht überprüft, zertifiziert bzw. beglaubigt und daher als nicht vorhanden angesehen. Im Prinzip ähnlich verhält es sich mit den Softskills - jenen "weichen Fähigkeiten", die soziale Kompetenzen (die Art und Weise, wie mit Kunden und Kollegen umge- gangen wird), arbeitstechnisches Integrationsverhalten, betriebswirtschaftliches Mitdenken etc. markieren. So wie das beste autodidaktische Wissen ohne offiziell bestätigtigtem Nachweis nichts nützt, so werden auch beste Softskills ohne Nachweise in Form von Arbeits- zeugnissen oder Referenzen dem Reich der Phantasie zugeschrieben. Doch wie sollen Sie die verlangten Softskills vorweisen, wenn Sie entweder freiberuflich tätig waren und kein Kunde entsprechende Referenzen ausstellen wollte oder Sie noch keine feste Anstellung bekommen haben oder Sie dort arbeiteten, wo ganz andere Fähigkeiten als die jetzigen gefordert waren ? Doch selbst wenn Sie Softskills belegen können, ent- ziehen sich diese einer objektivierbaren Nachprüfbar- keit und Bewertung, weil unterschiedliche Arbeitsbe- dingungen und Erfordernisse in den Unternehmen die Ausprägungen der Fähigkeiten entweder hemmen oder fördern. Zudem versteht jeder Personalentscheider etwas anderes unter den Begriffen, die die obigen Kompetenzen ausmachen und beurteilt daher auch sehr subjektiv. Daraus folgt, dass all Ihr selbsterworbenes aber nicht zertifiziertes Wissen und Können jenseits Ihrer ur- sprünglichen Berufsausbildung als nicht existent gilt, selbst wenn Sie praktische Beispiele vorlegen. Zu häufig ist bei Personalentscheidern der Gedanke an die Ausschließlichkeit des einst erlernten Berufes dominierend: Jeder Bewerber wird in technokratischer Sichtweise als Automat angesehen, der nur ein einziges industriell vollkommenes Produkt nach festprogrammiertem Arbeitsablauf auszugeben vermag, nachdem die Münze (das Gehalt) eingeworfen worden ist. Eine solche Vorstellung ist noch immer im Unterbewußt- sein verankert und bringt Abwehrmechanismen hervor, die den Forderungen der heutigen Zeit nach mehrgleisiger Ausbildung und Qualifikationskombinationen spotten. Diese Kluft aus Anspruch und Wirklichkeit verhindert leider zu oft viele Eigeninitiativen des auf Weiter- entwicklung getrimmten Erwerbstätigen und läßt somit wertvolle qualifikatorische Ressourcen im Keim ersticken. Meister und qualifizierte Fachkräfte fallen nicht vom Himmel, sondern müssen Schritt für Schritt auf ihrem beruflichen Weg gefördert und entwickelt werden. Dazu gehört auch das Erkennen ausbaufähiger Potentiale und die Eingliederung in Arbeitsbereiche, die ein Ent- falten und Reifen neu zu erwerbender Qualifikationen ermöglichen. Wer "fertige" Fachkräfte nur einkaufen will, ohne selber ambitioniertes Personal durch betriebsinterne Qualifika- tionsmaßnahmen zu Fachkräften zu entwickeln, richtet betriebs- als auch volkswirtschaftlich auf mittel- und langfristiger Sicht großen Schaden an.
Neben all diesen offiziellen Gründen für die Zurück- stellung qualifikatorischer Maßnahmen gibt es auch inoffizielle Gründe, über die kaum jemand offen spricht. Das liegt daran, weil diese Gründe die Kontraproduk- tivität zu allen Qualifikationsbemühungen offenbaren. Mit anderen Worten: Offiziell und nach außen hin werden alle Formen der Bildung begeistert propagiert und als Patentrezepte gegen Erwerbslosigkeit und schlechte Berufsperspek- tiven gepriesen, während inoffiziell und im gnaden- losen Wettbewerb innerhalb eines Betriebes jede qualifikatorische Eigenleistung als unnötig oder gar gefährlich angesehen und bekämpft wird. Als gefährlich gilt der Zuwachs an Wissen deshalb, weil Wissen bekanntlich Macht bedeuten kann und daher als Gefährdung bestehender Arbeitsplätze und Bedrohung bestehender Machtverhältnisse in der Be- triebshierarchie gewertet wird. Besonders deutlich wird dies, wenn die selbstge- wählten Qualifikationsmaßnahmen dazu dienen, sich neue Tätigkeitsbereiche zu erschliessen, beruflich aufzusteigen und an betrieblichen Entscheidungen teilzuhaben. Solche Kurse wie z.B. Projekt- und Zeitmanagement, Konfliktbewältigung, Rhetorik, Verhandlungstaktiken, Kreativtechniken, vernetztes Denken, Entscheidungs- findung usw. sollten mitmenschliche wie solidarische Gesinnungen fördern und der Qualitätssicherung in Bezug auf Produkt und Personalumgang dienen. Doch obwohl Bildungsinhalte dieser Art in einer Demo- kratie zum allseits verfügbaren und geforderten All- gemeingut zählen sollten, werden diese stattdessen den weisungsgebundenen Angestellten oft nicht zugestanden. So bleiben derartige Qualifikationen de facto nur den Entscheidungsträgern vorbehalten und dienen als Instrument zur Stärkung eigener Machtinteressen und zum Zurückhalten von Aufstiegswilligen. Letztere bekommen repressive Maßnahmen zu spüren, wenn sie in Folge einer Qualifizierung Vorschläge zur Verbesserung von Produktivität und betrieblichem Gemeinwesen anbringen wollen. Mehr hierzu zur Erinnerung im entsprechenden Abschnitt des vorigen Kapitels. Aber auch dann, wenn ergänzende Lehrgänge "nur" dazu dienen, in bestehenden Tätigkeitsfeldern besser, schneller und effizienter arbeiten zu können, kann dem eigeninitiativ Lernenden vorgeworfen werden, er wolle sich dadurch nur ein höheres Gehalt und mehr Sozial- leistungen sichern. Grundgedanke hier: Wer für sich (Leistungs-)Ansprüche stellt, wird auch solche gegenüber seinem Arbeitgeber stellen und sich einer leichten Handhabbarkeit entziehen wollen. Wer daher auf Lehrgänge verzichten muß und sich fachliches Wissen in der Arbeitszeit von Kollegen erwerben möchte, kann Gefahr laufen, argwöhnisch vom Vorgesetzten zur Rechenschaft gezogen und unter Umständen sogar wegen unerlaubten Entfernens vom Arbeitsplatz und/oder arbeitsablaufstörenden Ver- haltens abgemahnt zu werden. Durch solche qualifi- kationshemmenden Regelungen können Versuche zum innerbetrieblichen Wissensaustausch ein gefundenes Fressen für potentielle Neider und Denunzianten sein. In diesem Zusammenhang ist aber nicht nur ein aktives, sondern auch ein passives Mobbing häufig zu beobachten, das sich in Form von absichtlich vorenthaltenem Wissen aus Eigenschutz bzw. aus Rivalitätsgründen zeigt. Unternehmen mit einer Qualifikationen kontraproduktiven Mentalität sind es dann auch, die sich am lautesten über fehlende Fachkräfte beklagen und den Regierenden eine verfehlte Bildungspolitik und den Regierten geistige Trägheit, Dummheit oder Leistungsverweigerung vorwerfen. Unternehmen dagegen, die ihre Mitarbeiter betriebs- spezifisch qualifizieren, nachdem sie ruhende Fähigkeits- Potentiale erkannt haben, werden keinen Fachkräftemangel haben und ihren Konkurrenten immer im voraus sein. |
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